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Clessidra ligamentum in der BILD


Nun schließlich ist es - wie zu erwarten war - eingetreten und Murphy hat einmal mehr recht behalten: Clessidra ligamentum stehen in der Bildzeitung und wie befürchtet ist der Artikel mal wieder ein Glanzstück selektiven Zitierens und dahingehetzter Informationsarmut. Bevor jedoch näher auf den Text eingegangen wird, hier erst einmal der Artikel.



Sekten-Expertin warnt

Vampir-Verein geistert nachts durch Rostock


Von MARTIN von SCHADE
Rostock - Lichtscheue Blutsauger? Sargschläfer? In der Hansestadt wird über eine geheimnisvolle Internetseite gerätselt...
Nach Pendel-Fetischisten, Geisterbeschwörern und Tarotkartenlegern gibt's in der Alternativszene nämlich ein neues Phänomen: Dracula-Fans, Vampiristen.
Sie treffen sich in Rostocker Szenekneipen wie "Krokodil", "Heumond", "Vater Rhein" oder "Pleitegeier", tragen schwarze Kleidung und führen eine Doppel-Existenz. So heißt es auf ihrer Internetseite (www.clessidra.de): "Auf der Nachtseite finden wir zu unserer alten Seele, zu unserem Vampyr-Ich. Auf der Tagseite leben wir, was die moderne Gesellschaft fordert."
Trinken die Rostocker Vampire Blut? Sie schließen es zumindest nicht aus. So heißt es in ihrem Statut: "Viele von uns haben ein natürliches Energiedefizit, das wir durch unsere Art zu trinken, uns zu ernähren, ausgleichen, was uns ganz logisch zum Vampyrismus führt." Und in dem Vampir-Ehrenkodex heißt es zum Thema Blutsaugen: "Trinke nie, weil du glaubst, es würde dich mächtiger machen; trinke, weil dies ist, was du tun musst."
Mit BILD wollten die Rostocker Dracula-Fans darüber nicht sprechen. Ein Gabriel vom Vampirorden "Clessidra" meinte nur: "Clessidra schätzt seine relativ unbekannte Untergrundexistenz."
Gabriele Lademann-Priemer, Sektenexpertin der Nordelbischen Kirche: "Solche Leute leben eine Todes- und Nachtschatten-Romantik aus. Wir warnen vor ihren Ritualen, deren Folgen nicht abzuschätzen sind."


Wie zu erwarten war, beginnt der Artikel völlig neutral und objektiv mit den Worten "Sektenexpertin warnt", wodurch dem geneigten Leser alle Möglichkeiten der Meinungsbildung offen gelassen werden, jedoch in der Rubrik "Hof Clessidra - Der Hof" deutlich zu lesen steht: "Clessidra ligamentum ist keine religiöse Vereinigung.", gefolgt von einigen Beispielen von Vampyrsekten, auf die sich dieser Artikel wohl eher beziehen will.

Einige Sätze später, nach der obligatorischen Einleitungsrhetorik, werden wir alsdann zu "Dracula-Fans" degradiert, obwohl bereits in dem Willkommenstext zu lesen ist: "[...] unser Ziel ist es, die Lehren des Energievampyrismus unter Mitglieder zu bringen und Suchenden unseren Weg anzubieten" und ein kleiner Blick in den Bereich "Der Hof - Energievampyrismus" deutlich gemacht hätte, dass der Energievampyrismus mehr von sich versteht, als eine Basis für das Anbeten diversen Mythenfiguren.

Jetzt werden zu unserem Bedauern auch noch "Szenekneipen wie "Krokodil", "Heumond", "Vater Rhein" oder "Pleitegeier"" aufgezählt, wobei sich der Verdacht aufdrängt: Ist der werte Herr von Schade jemals in einem dieser Cafés gewesen oder hat er nicht vielleicht bloß unsere Rubrik "Stadtführung" zitiert? Dies sind fürwahr alles sehr schöne Bars und Cafés, bei denen sich ein Besuch definitiv lohnt, aber Szenekneipen? Da bitte ich denn Herrn von Schade, seine Meinung doch noch einmal zu überdenken.

Nach diesem ganz offensichtlichen Lückenfüller betreff Szenekneipen lesen wir nun, sie "tragen schwarze Kleidung", was, wenn es auch nicht völlig falsch ist, auf unserer Internetseite doch anders zu lesen ist, nämlich: "Natürlich muss man sich nicht schwarz kleiden oder bestimmte Stoffe etc. bevorzugen" und sich so langsam eine Ahnung aufbäumt, ob sich der Autor dieses Artikels überhaupt mit der Seite beschäftigt, oder nicht eher nach aussagekräftigen Zitaten gesucht hat.

Nach einigen Andeutungen über unsere "schizophrene Natur" stellt der Autor die wohl brennendste Frage: "Trinken die Rostocker Vampire Blut?", gefolgt von der Antwort: "Sie schließen es zumindest nicht aus. So heißt es in ihrem Statut: "Viele von uns haben ein natürliches Energiedefizit, das wir durch unsere Art zu trinken, uns zu ernähren, ausgleichen, was uns ganz logisch zum Vampyrismus führt."Abgesehen davon, dass der Herr von Schade vergaß, die Begriffe "trinken" und "ernähren", wenn er denn schon zitiert, in Anführungszeichen zu setzen - was der Aussage viel von ihrer "Gefährlichkeit" nimmt, - fragt sich der objektive Leser, wo denn in diesem Zitat nun die Frage nach dem Bluttrinken beantwortet wird, wo doch nicht ein einziges mal das Wort "Blut" erwähnt wird - wieder nur ein Fall simpler, verwirrender Eristik.

Da aber in einem Artikel, der sich mit Vampyren befasst, das Bluttrinken natürlich einen Schwerpunkt darstellen muss - sehr schön wieder mit anzusehen, auf welche Eigenschaften wir reduziert werden -, folgt denn auch gleich noch das nächste Zitat: "[...] in dem Vampir-Ehrenkodex heißt es zum Thema Blutsaugen: "Trinke nie, weil du glaubst, es würde dich mächtiger machen; trinke, weil dies ist, was du tun musst."" und wieder ist der verwirrte Leser im Begriff zu fragen, wo denn hier eine Aussage über das Bluttrinken getätigt wird und wir uns fragen müssen, ob denn der Autor tatsächlich eine Beschreibung Clessidra ligamentums anhand unserer Internetpräsenz geben wollte oder nicht doch eher nach Zitaten - wie unpassend diese auch sein mögen - suchte, die das Vorurteil des nach Blut geifernden Vampyrs bestätigen.

Nachdem schließlich noch kurz unsere Weigerung, mit Bild über Clessidra zu sprechen, erwähnt wird - wer den Artikel bis hierher verfolgt hat, wird verstehen, warum diese Weigerung -, meldet sich abschließend noch einmal eine Expertenmeinung zu Wort: "Gabriele Lademann-Priemer, Sektenexpertin der Nordelbischen Kirche: "Solche Leute leben eine Todes- und Nachtschatten-Romantik aus. Wir warnen vor ihren Ritualen, deren Folgen nicht abzuschätzen sind." Doch auch wenn man nun geneigt ist, im Quellekatalog nachzuschlagen, wo es denn diese vor analytischer Spitzfindigkeit und psychologischer Rafinesse triefende Aussage zu bestellen gibt, sollte ein Blick auf unsere Willkommensseite bereits genügen, auf welcher der Satz ins Auge sticht: "Wer Bilder von seltsamen Ritualen und Blutfeiern im Hinterkopf hat, wird von Clessidra etwas enttäuscht sein". Anderseits stellt sich auch die Frage, ob denn die Frau Gabriele Lademann-Priemer, genau wie besagte "Szenekneipen", die Gothicszene und auch Clessidra ligamentum nicht auch lediglich "Opfer" bzw. Spielball der aufscheuchenden Rhetorik und willkürlichen Zitierwut des Herrn von Schade ist, denn diese "Expertenmeinung" ist an Allgemeingültigkeit und Mehrdeutigkeit kaum noch zu übertrumpfen und kann auf jede Gruppierung angewandt werden, die auch nur das mindeste mit irgend einer Form Dunkelheit zu tun hat.

Auch wenn der werte Herr von Schade diese Stellungnahme wohl nie lesen wird, brennt mir schließlich die Frage auf der Zunge, ob hier wirklich ein Beitrag über Clessidra ligamentum geschrieben werden sollte oder lediglich einige weiße Stellen auf dem Druckpapier der Bildzeitung verkleistert werden mussten. Weder wurde in diesem Artikel auch nur ein einziges mal unser kompletter Name erwähnt - wir heißen noch immer Clessidra ligamentum -, noch wurde richtig zitiert oder sich mit der Seite beschäftigt, was es mir möglich machte, den Artikel - wie billig - mit weiteren Zitaten unserer Internetpräsenz zu entkräften. Schließlich werden sogar willkürlich Cafés und Menschen genannt, die wohl nicht das geringste mit Clessidra ligamentum zu tun haben; ja all diese scheinbar belanglosen Fehlerchen deuten doch letztlich darauf hin, dass hier überaus oberflächlich und hastend "gearbeitet" wurde und Clessidra ligamentum nur noch in ein vorgefertigtes Bild gepresst wurden, da für mehr anscheinend keine Zeit mehr vorhanden war. Sich jedoch an dieser Stelle noch das Recht herausnehmen und uns bereits mit der Überschrift zu einer Sekte zu deklarieren und somit unnötige Verwirrung zu stiften, schießt dann doch "etwas" über unsere Toleranzgrenze hinaus: Bild, musste das sein?